ZEV Bremen

Stellungnahme zur Corona-Pandemie

Haltung der ZEV zur derzeitigen Situation in der Corona-Pandemie

Stand: April 2020

Im Spannungsfeld der Bedürfnisse

Die derzeitige Situation stellt für unsere Gesellschaft eine große Herausforderung dar, insbesondere auch für noch nicht schulpflichtige Kinder und ihre Familien. Seit dem 16. März sind in Bremen die Kindertagesstätten geschlossen, es findet eine schrittweise ausgebaute Notbetreuung statt. Spielplätze sind gesperrt und es gilt ein Kontaktverbot sowie darüber hinausgehende Empfehlungen zur Kontakteinschränkungen zwischen Kindern und nahen Familienangehörigen, ihren Großeltern. Damit leisten Familien einen großen Beitrag für die Eindämmung des Virus und den Infektionsschutz der Gesellschaft. Als Zentrale Elternvertretung der Kinder in Tageseinrichtungen in Bremen möchten wie die Situation aus Sicht der Kinder, der Eltern der Kinder und der Kindertageseinrichtungen skizzieren und die hierauf basierende Haltung der ZEV darlegen. Unser Anliegen ist es, die Situationen sichtbar zu machen – dabei erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Beschreibung der Problemlagen, die sicherlich in vielen Fällen umfänglicher sind oder nicht genannte Ausprägungen haben. Bei allen Forderungen steht für uns der Infektionsschutz für die Gesellschaft, für die Mitarbeiter*innen und die Familien an oberster Stelle. Wegen der angeratenen Bestimmung, die Anzahl der Kontakte überschaubar zu halten, um Infektionsketten nachvollziehen zu können, gelten auch für die Notbetreuung von Kindern besondere Bedingungen. Die derzeit festgelegte Maximalanzahl von Kindern in einer betreuten Kindergruppe beträgt 5 Kinder. Wir erkennen dies als fachlich fundierte, derzeit nicht variable Zahl an. Bei einer sonst üblichen Elementargruppe einer Kita mit 20 Kindern folgt hieraus, dass in solchen Kleingruppen 25% der Kinder betreut werden können, vorausgesetzt, dass genügend Räume und Betreuungspersonal zur Verfügung steht. Im Umkehrschluss kann dann bei diesem Vorgehen also für 75% der Elementarkinder rein rechnerisch kein Platz zur Verfügung gestellt werden, wenn keine Lösungen für weitere Betreuungsmöglichkeiten entwickelt werden.

Die Situation der Kinder

Aufgrund des Kontaktverbots beschränkt sich der Kreis der Bezugspersonen für Kinder, die nicht in einer Notbetreuung betreut werden, auf die Kernfamilie. Auf Begegnungen auf Augenhöhe, soziales Lernen, Input von Gleichaltrigen, außerfamiliäre Bezugspersonen, usw. müssen diese Kinder verzichten. Das Fehlen außerfamiliärer Kontakte hat Auswirkungen auf Bindungsfähigkeiten, frühkindliche Bildung, soziale Kompetenz, Sprachförderung etc. Die Isolation der Kinder bedeutet für sie einen umfassenden Beziehungsverlust – es fehlen die sonst alltäglichen Beziehungen zu Freunden, Erzieherinnen und Erziehern sowie Großeltern usw. Dabei sind für Kinder vor allem direkte Kontakte wichtig – Kontakte unter Verwendung digitaler Medien sind für Kinder nicht annähernd gleichwertig zu direkten Kontakten. Besondere Herausforderungen können sich insbesondere für Kinder ohne Geschwister im ähnlichen Alter, Kinder von Alleinerziehenden, Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen, Kinder sozial schwacher Familien, usw. ergeben. Sollten Kindertageseinrichtungen bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben, bedeutet das für die Kinder, die nicht in der Notbetreuung betreut werden, eine monatelang andauernden Ausfall der beschriebenen Begegnungen außerhalb ihrer Kernfamilie. Für Vorschulkinder, die nicht in der Notbetreuung betreut werden, würde sogar ihre Kita-Zeit abrupt enden. Die letzte Phase der Schulvorbereitung und das wichtige Ritual des Abschieds von der Kita-Zeit fallen dann weg. Die Kinder würden somit aus der Isolation in die Schule kommen. Wie gut sie vorbereitet sind – sprachlich, emotional und sozial – hängt in dieser letzten Phase allein vom Elternhaus ab.

Die Situation der Eltern

Eltern stehen in der aktuellen Situation unter enormen Druck. Sie sehen die Situation für ihre Kinder und wissen um die Entbehrungen. Zudem fühlen sich die Eltern einem externen Druck ausgesetzt. Die Eltern müssen für ihre Kinder in dieser Situation verschiedenste Rollen erfüllen: Eltern, Erzieher, Spielpartner. Während sie versuchen, den Tag strukturiert zu gestalten, geregelte Mahlzeiten zuzubereiten, mit ihren Kindern zu spielen und sie zu fördern, müssen sie nebenbei ggf. noch ihren häuslichen und beruflichen Verpflichtungen nachkommen. Private Betreuungsmöglichkeiten durch Großeltern oder Babysitter fallen durch das Kontaktverbot und den Schutz von Risikogruppen fast vollständig weg. Die Lösung „Home-Office“ wird für Familien zur Zerreißprobe und kann meist nur funktionieren, wenn beide Partner sich bei der Betreuung abwechseln oder der Beruf frühmorgens oder abends ausgeübt wird. Beides bedeutet eine enorme physische und psychische Belastung. Hinzu kommen die Verunsicherung durch die unbekannte Krankheit, fehlende soziale Kontakte und Sorgen um Gesundheit, Angehörige und die berufliche und finanzielle Zukunft. Die Krise wirkt wie ein Katalysator und verstärkt bestehende Konflikte und Probleme: Familien verfallen in überholte Rollenbilder, Beziehungen werden auf eine harte Probe gestellt, Gewalt in Familien nimmt zu, die Integration leidet.

Die Situation der Kindertageseinrichtungen

Die Kindertageseinrichtungen müssen sehr flexibel auf die sich häufig ändernde Situation reagieren und die Betreuungsangebote der Notbetreuung in kleinen Gruppen organisieren. Darüber hinaus organisieren sie teilweise für die ihnen zugeordneten, nicht in der Notbetreuung betreuten Kinder, Angebote und lassen ihnen diese zukommen. Die Kindertageseinrichtungen informieren Mitarbeiter*innen und Eltern. Bei allem müssen sie Mitarbeiter*innen schützen, insbesondere solche, die zur Risikogruppe gehören.

Gedanken zur Ausweitung der Notbetreuung der Zentralen Elternvertretung Bremens:

Folgende Leitgedanken liegen uns besonders am Herzen:
  • Es sollte das Ziel sein, dass unter Beachtung der Gebote des Infektionsschutzes als bald als möglich jedem Kind eine Betreuung in einer Kindertageseinrichtung zur Befriedigung seiner außerfamiliären Bedürfnisse ermöglicht wird (die nicht gleich der Regelbetreuung sein muss!).
  • Die Politik muss bundesländerübergreifend klare Rahmenbedingungen schaffen, Handlungsspielräume der Träger aufzeigen und eine transparente, eindeutige Kommunikation wahren (auch um Panik und einen „Kampf“ um Notbetreuungsplätze zu verhindern).
  • Es gilt dabei die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung der Betreuungsmöglichkeiten von Kindern in Kindertageseinrichtungen wahrheitsgemäß zu kommunizieren (bspw. ist Homeoffice bei paralleler Kinderbetreuung teilweise unzumutbar, Erwartungen von Arbeitgebern an Eltern müssen realistisch sein)
  • Die tatsächliche Bedeutung von Kindern beim Infektionsgeschehen muss deutlicher beobachtet werden.
  • Familien haben in den letzten Wochen einen großen Beitrag zur Eindämmung des Virus geleistet. Sie dürfen bei Lockerungen nicht vergessen werden. 
Zur Erhöhung der derzeitigen Betreuungskapazitäten der Notbetreuung unter Beibehaltung einer maximalen Gruppengröße von 5 Kindern je Gruppe sehen wir in den nachfolgend beschriebenen Maßnahmen Potentiale. Hiermit möchten wir eine Diskussion anregen – uns ist bewusst, dass eine Auswahl getroffen werden muss und keine vollumfängliche Umsetzung möglich oder zielführend ist:
  • Um möglichst viele Kinder in der Notbetreuung betreuen zu können, sollten die tatsächlich benötigten Mindestbetreuungsbedarfe der Eltern ermittelt und erfüllt werden.
  • Es sollte ein klares Ziel sein, möglichst zeitnah wieder allen Kindern eine zunächst womöglich eingeschränkte Betreuung, bestenfalls in ihren Kindertageseinrichtungen, zu ermöglichen. Dabei könnte eine Flexibilisierung der Betreuung (Gruppe A wird bspw. am Montag, Mittwoch, Freitag betreut und Gruppe B bspw. am Dienstag und Donnerstag) oder eine Ausweitung der Betreuung (räumlich und/oder zeitlich: Vormittags- und Nachmittagsgruppen oder auch samstags) dienlich sein, um mehr Kapazitäten zu schaffen und dabei dir Gruppenstrukturen fest und in einer Größe von maximal 5 Kindern zu etablieren.
  • Trägern sollten Freiheiten zur individuellen Ausgestaltung ihrer Notdienstkapazitäten eröffnet werden (individuelle Raumnutzungskonzepte, individuelle Personalplanungen, etc.).
  • Potentielle weitere Betreuungskräfte sollten ermittelt werden: Frühförderkräfte, ehemalige Beschäftigte wie z.B. Praktikanten, Pädagogik-Studenten, Erzieher in der Ausbildung, Mitarbeiter in den Fachschulen, die zurzeit keinen Unterricht geben können –> Einbindung bei der Leitung einer Notbetreuungsgruppe oder als Ergänzung oder Aktivierung zur Betreuung von Kindern ohne Notbetreuungsplatz in einer Einrichtung
  • Träger und Einrichtungen sollten Unterstützung bei der Planung und Umsetzung von Hygienestandards erhalten.
  • Zur Wahrung eines möglichst geringen Infektionsrisikos sollten Eltern die Kitas zumindest nicht ohne Mund-Nasen-Schutz betreten dürfen. Die Verhaltensregeln sollten den Eltern klar und in ihrer Sprache kommuniziert werden.
  • Die Schließzeiten in den Sommerferien sollten in Ferienbetreuungszeiten umgewandelt werden. Viele Eltern werden diese Betreuungslücke nicht schließen können. Dies sollte zeitnah erfolgen, damit dies in den Kindertageseinrichtungen frühzeitig eingesteuert und umgesetzt werden kann.
  • Die Bedürfnisse der Kinder sollten bei der Erarbeitung von Strategien zur Ausweitung der Betreuungen mehr in den Blick genommen werden. Es darf nicht nur um die Situation der Eltern gehen um ein „Recht auf eine Notbetreuung“ zu bewerten. Neben den Kriterien zu Härtefällen sollten insbesondere weiche Kriterien, die sich an der Lebenssituation der Kinder orientieren, ergänzt werden.
Des Weiteren halten wir es für zwingend erforderlich, Maßnahmen für die Kinder, die keinen Platz in der Notbetreuung haben (oder wenn sie bspw. nur einen Tag in der Woche in die Einrichtung gehen), zu initiieren. Hier sehen wir folgende Potentiale:
  • Es sollten Konzepte für die Aufrechterhaltung der Erzieher-Kind-Bindungen für ALLE Kinder entwickelt und umgesetzt werden.
  • Es sollte eine Möglichkeit gefunden werden, eine warmen Mahlzeit an alle nicht in der Notbetreuung betreuten Kinder auszugeben: Zum Abholen oder als Bring-Service, ggf. unter Einbeziehung von externen Dienstleistern (Catering, Gastronomie), evtl. in Verbindung mit den (Grund)schulen
  • Es sollte eine Entwicklungsdokumentation konzipiert werden, die es zulässt, dass der Entwicklungsstand der nicht in der Einrichtung betreuten aber der Einrichtung zugeordneten Kinder zulässt. 
  • Kinder, die im kommenden Jahr in die Schule wechseln, sollten engmaschiger durch ihre Erzieher betreut werden / einen Vorschulunterricht erhalten.
  • Für Kinder, die nicht in der Notbetreuung betreut werden, sollte die Betreuung in einer festen Spielgruppe (max. 5 Kindern) durch die Eltern (ggf. im Wechsel) oder eine bezahlte Person (Babysitter) legalisiert werden.
  • Es könnte anderen Institutionen als Kindertageseinrichtungen ermöglicht werden / sie motiviert werden (wie z.B. Sportvereinen, NABU, Museen, BUND, Musikschulen), Kinderbetreuungsangebote in Kleingruppen mit maximal 5 Kindern anzubieten (analog zu Ferienangeboten)
  • Man sollte unter Auflage bestimmter Verhaltensregeln Plätze im Freien wieder öffnen, um den Kinder ohne Garten wieder einen Ort zum Spielen zu geben.

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